Die Anzahl der Todesopfer

Rückschlüsse auf die Anzahl der im Zusammenhang mit der Räumung der Konzentrationslagerkomplexe Kaufering und Mühldorf und der Teilräumung des Konzentrationslagers Dachau zu Tode gekommenen Häftlinge können aus den Angaben ehemaliger Beteiligter, ehemaliger amerikanischer Soldaten und der verschiedenen Suchdienste gezogen werden.

Die Räumung der Kauferinger Lager forderte viele Opfer bei dem schon an anderer Stelle erwähnten Luftangriff auf einen mit KZ-Häftlingen beladenen Zug bei Schwabhausen im Landkreis Landsberg. In einem Bericht vom 31. Mai 1945 an den jüdischen Weltkongress in Genf schreibt der Arzt Dr. Z. Grinberg, der dem Transport angehörte, dass es bei dem Angriff "136 Tote und 80 Schwerverwundete" gab. Eine unbekannte Anzahl weitere KZ-Häftlinge wurde anschließend durch SS-Posten getötet und nochmals 18 Menschen starben dem Bericht zufolge in der dem Luftangriff folgenden Nacht.[1] In einer anderen Quelle wird die Zahl der bei dem Angriff ums Leben gekommenen Häftlinge mit 1 000 angegeben.[2] Der niederländische Suchdienst geht in einer Aufstellung vom 28.04.1950 dagegen "nur" von 170 Todesopfern bei Schwabhausen aus, die dort auch beigesetzt wurden.[3] Die Bayerischen Verwaltung der staatlichen Schlösser, Gärten und Seen, die für die Betreuung von KZ-Grabstätten verantwortlich ist, gibt wiederum "nur" ca. 130 Tote an, die auf dem KZ-Friedhof bei Schwabhausen begraben liegen.[4] Die ins Detail gehenden Angaben des Arztes Dr. Grinberg und die auch sonst nachweisbar richtigen Angaben des niederländischen Suchdienstes zu den KZ-Grabstätten und über die Anzahl der dort begrabenen Todesopfer lassen den Schluss zu, dass die Schätzung von 170 Todesopfern am nähsten an der tatsächlichen Zahl der in Schwabhausen getöteten und dort begrabenen Häftlinge liegen dürfte. Es kann davon ausgegangen werden, dass sich zahlreiche weitere Todesopfer des Angriffs noch im Zug befanden und dass während der Weiterfahrt von Schwabhausen nach Dachau verwundete Häftlinge ihren Verletzungen erlagen.

Eine weitere große Zahl an Todesopfern gab es im Zusammenhang mit der Räumung des Konzentrationslagers Kaufering IV. Der größte Teil der Häftlinge des Lagers, das in den letzten Monaten vor Kriegsende als "Krankenlager" fungierte, wurde mit dem oben genannten Zugtransport weggebracht. Der andere Teil der kranken Häftlinge blieb im Lager in den Baracken zurück, die schließlich von der SS mit Benzin begossen und in Brand gesetzt wurden. Als amerikanische Truppen das Lager betraten, fanden sie insgesamt 268 zum Teil bis zur Unkenntlichkeit verbrannte Leichen vor.[5] Etwa einen Kilometer vom Lager entfernt, lagen an dem Bahngleis, wo die Häftlinge auf die Güterwaggons verladen wurden, weitere etwa 60 Tote.[6]

Wie viele Häftlinge während der Fußmärsche von Kaufering in Richtung Dachau ums Leben gekommen sind, ist unbekannt. Es ist jedoch bekannt und durch Zeitzeugen belegt, daß immer wieder erschöpfte Häftlinge, die nicht mithalten konnten, von der SS niedergeschossen wurden. Lediglich der Tod von jeweils einem Häftling in Geltendorf und Moorenweis ist belegt.[7] Es ist anzunehmen, dass die Toten auf Wagen und Karren von den anderen Häftlingen auf ihrem Weg nach Allach und Dachau mitgeführt werden mussten.

Auch während des Zugtransportes aus den Mühldorfer Konzentrationslagern, gab es eine größere Anzahl von Todesopfern. Belegt ist, dass während dieses Transportes oder als Folge davon in Seeshaupt 92 und in Tutzing 54 Häftlinge aus dem Zug tot geborgen wurden oder dort starben.[8] Demnach kamen mindestens 146 Häftlinge während des Zugtransportes von Mühldorf und als Folge davon ums Leben. Des weiteren ist der Tod von 13 Häftlingen belegt, die wahrscheinlich demselben Transport angehörten und bei einem Luftangriff in Beuerberg getötet wurden.[9]

Während des Zugtransports, der das Konzentrationslager Dachau am 26. April 1945 verlassen hatte, kamen ebenfalls zahlreiche Häftlinge ums Leben. Belegt ist der Tod von 63 Häftlingen die in Seefeld in Tirol beigesetzt wurden, und der von 107 weiteren Häftlingen, die in Mittenwald begraben wurden.[10] Weitere 4 tote Häftlinge, die diesem Häftlingstransport zuzurechnen sind, wurden in Weilheim bestattet.[11]

Von einem Zugtransport aus dem Konzentrationslager Allach ist schließlich nochmals der Tod von 17 Häftlingen in Iffeldorf, 10 in Antdorf und 5 in Penzberg belegt.[12]

Auf dem Fußmarsch von Dachau und Allach in Richtung Alpen sollen verschiedenen Berichten ehemaliger Beteiligter zufolge, schätzungsweise zwischen 1 000 und 3 000 KZ-Häftlinge ums Leben gekommen sein. Allein auf dem Weg von Dachau bis zum Lagerplatz Bolzwang (Achmühle) wird von einem ehemaligen Häftling die Zahl der an Erschöpfung gestorbenen mit 480 Toten angegeben.[13] Ein anderer berichtet:

"Unser Stand hatte sich von 6 000 auf knappe 4 000 verringert. 1 000 bis 1 500 kann man ruhig nehmen, die auf der Strecke blieben, und der größte Teil davon von den Mördern und Banditen ermordet wurden."[14]

Wieder ein anderer ehemaliger Häftling geht sogar, von "ungefähr 3000 Menschenleben" aus, die der Todesmarsch gekostet haben soll.[15] Eine ähnlich hohe Zahl nimmt auch der ehemalige SS-Unterscharführer Albin Gretsch an, vorausgesetzt, er geht von den rund 7000 Häftlingen aus, die von Dachau aus auf Marsch geschickt wurden:

"Die Hälfte der Gefangenen haben wir auf dem Marsch bestimmt verloren, teilweise auch durch Flucht, aber die meisten werden umgekommen sein."[16]

Genauere Angaben über die Anzahl der Todesfälle während des Fußmarsches von Dachau in Richtung Tirol können den verschiedenen Listen über (ehemalige) KZ-Grabstätten entnommen werden. Den Angaben des niederländischen Suchdienstes zufolge gab es in folgenden Orten entlang der Marschroute Todesopfer, die belegbar sind (in Klammer die Anzahl der Toten): Krailling (1), Gauting (1), Leutstetten (1), Percha (2), Aufkirchen (4), Wolfratshausen (10), Münsing (1), Degerndorf (28), Achmühle (40), Beuerberg (1), Königsdorf (5), Kirchbichl (14), Bad Tölz (28), Greiling (4), Reichersbeuern (9), Waakirchen (15), Rottach (1), Wildbad-Kreuth (2) und Dürnbach (1).[17] Insgesamt also 168 Todesopfer. Die Bayerische Verwaltung der staatlichen Schlösser, Gärten und Seen gibt dagegen alleine die Zahl der im Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen in KZ-Grabstätten bestatteten Toten, die als Opfer des Todesmarsches zu betrachten sind, mit 201 an:[18]  

Ehemalige

KZ-Grabstätte:

Anzahl der

bestatteten Toten:

Bad Tölz-Waldfriedhof 28
Bolzwang-Achmühle   39
Beuerberg-Brandstätt  1
Beuerberg-Bierbichl   1
Beuerberg-Loisachschleife 2
Beuerberg-Gemeindefriedhof 1
Degerndorf  28
Dietramszell   3
Dorfen-Gemeindefriedhof  1
Egling-Gemeindefriedhof  1
Ellbach (Gemeinde Kirchbichl)     12
Gaißach-Kath. Pfarrfriedhof  1
Gelting 2
Geretsried-Stein  7*
Hechenberg (Gemeinde Kirchbichl) 2
Königsdorf-Moor   2
Königsdorf-Torfwerk   1
Königsdorf-Gemeindefriedhof  2
Manhartshofen    1
Münsing  1
Reichersbeuern 9
Wolfratshausen-Nantwein 56*

insgesamt:

201

*Die in Wolfratshausen-Nantwein und Geretsried-Stein beerdigten KZ-Häftlinge starben im Lager Buchberg, den späteren DP-Lagern Föhrenwald und Geretsried oder direkt in Wolfratshausen.[19]

Nicht berücksichtigt sind in diesen Angaben die etwa 120 russischen Zwangsarbeiter, die im Zusammenhang mit dem Todesmarsch aus dem Lager Buchberg bei Geretsried verschleppt wurden und später erschossen worden sein sollen.

Die genaue Zahl der während der Räumung und Teilräumung der Konzentrationslager Kaufering, Mühldorf und Dachau insgesamt ums Leben gekommenen Häftlinge lässt sich heute nicht mehr ermitteln.


[1]

Grinberg, Dr. Z.: Bericht an den Jüdischen Weltkongreß Genf, St. Ottilien, 31.05.1945, in: Themenhefte. Heft 2, a.a.O., S. 45 f.

[2] 

KZGD: 7429/1: ITS-Bericht der US-Armee vom 16.08.1950.

[3] 

KZGD: 15.786: Neth. Tracing Mission: Evacuation of the C.C. Dachau and of the Kdo. Kaufering, Türkheim und Mühldorf, 28.04.1950.

[4]

IGG: Bayerische Verwaltung der staatl. Schlösser, Gärten und Seen: Schreiben vom 05.01.1994 Az.: A1-!2738/93 - Ib.

[5]

Barnett, John: Aussage im Dachau-Prozeß, zitiert in: Posset, Anton: Die Amerikanische Armee entdeckt den Holocaust in: Themenhefte. Heft 2, a.a.O., S. 41.

[6]

BayHSTA: Dachau-Prozeß, Mikrofilm 1/1: Foto zum Lager Kaufering IV mit Bildunterschrift.

[7]

KZGD: 15.786: Neth. Tracing Mission: Evacuation of the C.C. Dachau and of the Kdo. Kaufering, Türkheim und Mühldorf, 28.04.1950.

[8]

ebd. und IGG: Bayerische Verwaltung der staatl. Schlösser, Gärten und Seen: Schreiben vom 05.01.1994 Az.: A1-!2738/93 - Ib.

[9]

IGG: Bayerische Verwaltung der staatl. Schlösser, Gärten und Seen: Schreiben vom 16.08.1990, Az.: 11 - 10 276/90 - I b.

[10]

KZGD: 814/405: Liste von ehemaligen KZ-Grabstätten. Vgl. auch: Schreiben des Österreichischen schwarzen Kreuzes, Kriegsgräberfürsorge vom 21.11.1986.

[11]

IGG: Bayerische Verwaltung der staatl. Schlösser, Gärten und Seen: Schreiben vom 05.01.1994 Az.: A1-!2738/93 - Ib.

[12] 

ebd.

[13]

KZGD: 9.681: Bericht des ehemaligen Häftlings Gerke, Robert.

[14]

KZGD: 20.967: Bericht des ehemaligen Häftlings Manila, Leopold.

[15]

Deumlich, Paul, in: Hitzer, a.a.O., S. 86.

[16]

KZGD: 6604: Eidesstattliche Erklärung von Gretsch, Albin vom 31.10.1945.

[17]

KZGD: 15.786: Neth. Tracing Mission: Evacuation of the C.C. Dachau and of the Kdo. Kaufering, Türkheim und Mühldorf, 28.04.1950.

[18]

IGG: Bayerische Verwaltung der staatl. Schlösser, Gärten und Seen: Schreiben vom 16.08.1990 und 12.12.1990 Az.: 11-10276/90-Ib und A1-14788/90 Ib.

[19]

Stadtarchiv Geretsried: Zusammenstellung "Opfer des Todesmarsches" von K. Maurer.

 

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Konzentrationslager Dachau, Kaufering und Mühldorf Ende April 1945.

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