Die Anzahl der betroffenen KZ-Häftlinge

Ehemalige Häftlinge sprechen unterschiedlich von 6 000 bis 14 000 Häftlingen, die an dem Todesmarsch in Richtung Alpen teilnehmen mussten.[1] Nicht berücksichtigt sind in diesen Schätzungen allerdings die Häftlinge, die per Zug transportiert wurden.

Die erste Zusammenfassung über den Verlauf der Häftlingstransporte und der Zahl der davon betroffenen Häftlinge, die ins Detail geht, ist die Aufstellung "Evacuation of the C.C. Dachau and of the Kdo. Kaufering, Tuerkheim and Muehldorf" des niederländischen Suchdienstes aus dem Jahre 1950. Demnach wurden aus den Konzentrationslagern Dachau 7 000, aus Türkheim 1 200, aus Kaufering 1 500 Häftlinge zu Fuß und 1 500 Häftlinge des Konzentrationslagers Mühldorf per Bahntransport in Richtung Alpen "evakuiert". Weitere vier  Transporte  mit  je 2 000, 3 000, 2 600 und 2 000 Häftlingen des Konzentrationslagers Dachau sollen zunächst zu Fuß nach Emmering marschiert und von dort ebenfalls mit Bahntransporten weitertransportiert worden sein. Dieser Aufstellung zufolge wurden in den letzten Kriegstagen rund 20 800 Häftlinge in Richtung Alpen auf Transport geschickt, davon etwa 9 700 zu Fuß.[2]

Das Außenkommando Kaufering mit seinen elf Lagern zählte am 26. April 1945 noch 10 114 Häftlinge, hiervon 1 093 Frauen.[3] Der Großteil der Häftlinge war zu diesem Zeitpunkt per Bahn oder zu Fuß schon in Richtung Dachau gebracht worden.

Nach den Angaben des ehemaligen SS-Hauptscharführers und Lagerleiters Otto Moll wurde das Lagers Kaufering II mit 450 Häftlinge zu Fuß in Richtung Dachau geräumt.[4] Aus dem Lager Kaufering III wurden nach Aussage des ehemaligen SS-Angehörigen Heinrich Witt, der den Transport leitete, 745 Häftlinge, darunter 168 Frauen, in Richtung Allach auf Marsch geschickt.[5]  300 Häftlinge sollen es vom Lager Kaufering IV gewesen sein, die das Lager zu Fuß verließen.[6] Es wird berichtet, dass weitere etwa 2 400 kranke Häftlinge des Lagers IV mit drei Bahntransporten zu je 800 Häftlingen wegtransportiert wurden.[7]

Das Lager VI bei Türkheim wurde per Fußmarsch geräumt .[8] In ihm befanden sich am 14. April 1945 416 männliche und 89 weibliche Häftlinge.[9] Nach einer Aufstellung des Niederländischen Suchdienstes sollen jedoch insgesamt 1 200 Häftlinge dieses Lagers in Marsch gesetzt worden sein.[10]

Das Lager X bei Utting, in dem sich laut Internationalem Suchdienst am 14. April 1945, einen Tag vor dessen Räumung, 449 männliche und 15 weibliche Häftlinge befanden, wurde ebenso in Marsch gesetzt.[11]

Gleiches trifft für das Lager Kaufering XI zu, wo es nach den Angaben des ehemaligen Häftlings Leon Kligerman 1 500 Häftlinge, darunter etwa 200 Frauen, gewesen sein sollen.[12] Der ehemalige Häftling Levi Shalit spricht dagegen von 2 000 Häftlingen, die zum Abmarsch versammelt wurden.[13] Auch Valentin Rehhorn, ein ehemaliges Mitglied der Wachmannschaft des Lagers Kaufering XI, gibt 2 000 Häftlinge an, die von dort wegmarschierten.[14]

Diesen Angaben zufolge  wurden  aus  den  Kauferinger  Lagern  zwischen 6 400 und 7 500 Häftlinge weggebracht, davon zwischen 4 000 und 5 000 zumindest anfangs zu Fuß. Unter ihnen befanden sich rund 450 Frauen. Hinzu kommen noch die Häftlinge der Kauferinger Lager, über deren Räumung keine Berichte mit Zahlenangaben gefunden werden konnten bzw. existieren. In den Lagern Kaufering I und VII waren durchschnittlich 2 500 bzw. 1 180 Häftlinge untergebracht.[15] Die Gesamtzahl der aus den Kauferinger Lagern weggebrachten Häftlinge dürfte also um die 10 000 betragen haben. Nur wenige hundert Häftlinge, die sich versteckt hielten oder krank waren und im Sterben lagen, blieben zurück.

Aus dem Konzentrationslager Dachau wurden laut einer Aufstellung des Schutzhaftlagerführers vom 27. April 1945 einen Tag vorher, also am 26. April, 1 213 sogenannte reichsdeutsche, 4 150 russische und 1 524 jüdische Häftlinge auf Marsch geschickt. Unter den jüdischen Häftlingen befanden sich 341 Frauen. Insgesamt waren es 6 887 Häftlinge. Weitere 1 759 jüdische Häftlinge verließen das Lager am 26. April per Bahntransport.[16] Zumindest ein Teil der jüdischen Häftlinge, die Dachau zu Fuß verließen, stammten von Fußmärschen aus den Kauferinger Lagern.[17]

Der Dachauer Außenlagergruppe Mühldorf gehörten am 26. April 1945 noch 4 929 männliche und  295  weibliche  Häftlinge  an,  insgesamt also 5 224 Häftlinge.[18] Etwa 3 600 von ihnen wurden per Zug in Richtung Alpen transportiert.[19]

Aus dem  Konzentrationslager Allach wurden etwa 2 000 Häftlinge auf Marsch geschickt.[20] Weitere Dachauer Außenkommandos, die zu Fuß in Richtung Alpen geräumt wurden, waren das in Ottobrunn, München-Riem und München-Agfa. In Ottobrunn waren zuletzt 337, in München-Riem 1 543 und in München-Agfa 539 Häftlinge gemeldet.[21]

Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass die Zahl der Ende April 1945 in Richtung Alpen auf Transport geschickten Häftlinge um die 25 000 betragen haben muss. Hiervon sind wiederum mindestens 13 500 Häftlinge zumindest über eine längere Strecke hinweg auf Marsch gewesen.

Bei den aus den Lagern Kaufering und Mühldorf wegtransportierten Häftlingen handelte es sich bis auf wenige Ausnahmen ausschließlich um Juden aus fast allen Ländern Europas. Etwa 10 Prozent der von der Räumung betroffenen Kauferinger und etwa 5 Prozent der betroffenen Mühldorfer Häftlinge waren Frauen.

Von den aus dem Konzentrationslager Dachau auf Transport geschickten Häftlingen bildeten die russischen Häftlinge mit über 4000 die größte Gruppe, gefolgt von den jüdischen und deutschen Häftlingen.


[1]

Vgl. L'Hoste, Klaus, in Hitzer, a.a.O., S. 86 und Weber, a.a.O., S. 56. Vgl. auch: KZGD: 20.967: Bericht des ehemaligen Häftlings Leopold Malina.

[2]

Vgl. KZGD: 15.786: Neth. Tracing Mission: Evacuation of the C.C. Dachau and of the Kdo. Kaufering, Tuerkheim und Muehldorf. Aufstellung vom 28.4.50. Sowohl beim Nachzeichnen der Marschroute als auch hinsichtlich der Herkunft der Häftlinge und der Angaben über deren Anzahl sind in dieser Aufstellung Ungenauigkeiten und Fehler zu finden. Nicht berücksichtigt wurde die "Evakuierung" von Häftlingen der Dachauer Außenlager Allach, Ottobrunn, München-Riem und München-Agfa. Auch die Angabe darüber, dass "nur" 1500 Häftlinge aus Kaufering "evakuiert" wurden, kann nicht stimmen. Die Häftlinge, die der Aufstellung zufolge in Emmering auf Eisenbahnwaggons verladen wurden, müssen Kauferinger und nicht Dachauer Häftlinge gewesen sein.

[3]

KZGD: 3198/349: Aufstellung der Dachauer Außenkommandos mit der jeweiligen Lagerstärke vom 26. April 1945.

[4]

Vgl. BayHStA: Dachau Prozess Mikrofilm 1/5: Moll, Otto: Petition for clemency vom 20. Januar 1946 und KZGD: Dachau-Prozess-Akte: Moll, Otto: eidesstattlich Erklärung.

[5]

BayHStA: Dachau-Prozess Mikrofilm 102: Direkt Examination: Witt, Heinrich, SS-Mann

[6]

Vgl. Posset, Anton: Das Ende des Holocaust in Bayern in: Themenhefte. Heft 2, a.a.O., S. 29.

[7]

Fried, Norbert, zitiert in: Posset, Anton: Das Ende des Holocaust in Bayern in: Themenhefte. Heft 2, a.a.O., S. 31.

[8]

KZGD: 15.786, a.a.O.

[9]

Weinmann, a.a.O., S. 195.

[10]

KZGD: 15.786, a.a.O.

[11]

Weinmann, a.a.O., S. 195.

[12]

Yad Vashem: M-1/2439: Protokollierte Aussage von Kligerman, Leon vom 14. Juli 1948.

[13]

Shalit, Levi: The Road from Dachau. Johannesburg 1975, S. 5.

[14]

Vgl. KZGD: 25.096: Protokollierte Aussage von Rehhorn Valentin vom 30. September 1946.

[15]

Weinmann, a.a.O., S. 556.

[16]    

KZGD: 1.008: Aufstellung der Transporte aus dem KL Dachau am 26. April 1945 vom Schutzhaftlagerführer.

[17]

Vgl. Pasternak, Slomo, zitiert in: Themenhefte. Heft 2, a.a.O., S. 16 f. Er wurde vom Lager Kaufering X nach Dachau gebracht und wurde von dort mit einer "ganz großen Kolonne" weiter in Richtung Alpen "evakuiert". Vgl. auch Kaplan, Israel (Hrsg.): Von der letzten Vernichtung. Zeitschrift für die Geschichte jüdischen Lebens unter dem Nazi-Regime. Nr. 5, München 1947, S. 14.

[18]

KZGD: 3198/349: Aufstellung der Dachauer Außenkommandos mit der jeweiligen Lagerstärke vom 26. April 1945.

[19]

Geschichtswerkstatt Mühldorf e.V. (Hrsg.): Aktion Spurensuche. Eine Suche nach Zeugnissen der NS-Zeit im Landkreis Mühldorf. Band I. Mühldorf 1990, S. 118 ff.

[20]

BayHStA: Dachau-Prozeß Mikrofilm 20: Eidesstattliche Erklärung von Maubach, Michael, SS-Mann.

[21]

KZGD: 3198/349: Aufstellung der Dachauer Außenkommandos mit der jeweiligen Lagerstärke vom 26. April 1945.

 

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